Lernen ist Konstruktion von Wissen

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Gerd Kalmbach

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Gerd Kalmbach, Jahrgang 1971, Diplom-Pädagoge

Experte für Train the Trainer Seminare, Lehren und Lernen im Unternehmen, Führungsnachwuchs- und Personalentwicklung.

Kernkompetenzen

  • Aktivierendes Lehren im Unternehmen
  • Seminare und Trainings
  • Führungsnachwuchsprogramme

Weitere Informationen unter www.wachstumsschmiede.de oder direkt unter +49 781 284049 30.
Vorsitzender der Berufsgruppe der Selbständigen des BDVT und Mitglied im Berufsverband BDVT (Menschen entwickeln - Zukunft gestalten).

Das neue Buch von Gerd Kalmbach : Jour fixe um 11: Aktivierendes Lehren im Unternehmen. Ein Fachroman.


Der nachfolgende Text ist Teil 1 aus der Textsammlung "Aktivierendes Lehren" von Gerd Kalmbach ( weiter zu Text 2 : Die Theorie lebender Systeme )


Inhaltsverzeichnis

Aktivierendes Lehren – die Grundlagen

Bevor wir uns mit dem Gedanken beschäftigen, wie Lehren idealerweise gestaltet sein sollte steht zunächst einmal die Frage im Vordergrund, wie Lernen eigentlich funktioniert. Erst wenn wir hierzu eine befriedigende Antwort haben, können wir über das Lehren nachdenken. Unglücklicherweise sehen viele Pädagogen, Trainer und anderweitig Lehrende diesen Zusammenhang nicht immer sofort und gehen davon aus, sie müssten nur genügend Wissen über die Lernenden "drüber schütten" ... Dementsprechend widmen sich die ersten Texte dieser kleinen Sammlung auch einigen theoretischen Grundlagen über das menschliche Lernen.

Zunächst einmal soll dargelegt werden, dass das Aufnehmen von Informationen kein passiver Akt des Empfangens darstellt, sondern ganz im Gegenteil ein recht individuell gestalteter aktiver Prozess der Konstruktion.

Lernen ist Konstruktion von Wissen

Im Folgenden wird die Erkenntnistheorie des Radikalen Konstruktivismus näher beleuchtet. Dieser stellt die allgemein gültige Anschauung darüber, wie Erkenntnis stattfindet, völlig auf den Kopf und ist gerade deshalb so spannend. Hier wird nämlich das Verhältnis zwischen Wissen und Wirklichkeit völlig anders beurteilt als wir es normalerweise tun! "Während die traditionelle Auffassung in der Erkenntnislehre sowie in der kognitiven Psychologie dieses Verhältnis stets als eine mehr oder weniger bildhafte (ikonische) Übereinstimmung oder Korrespondenz betrachtet, sieht der radikale Konstruktivismus es als Anpassung im funktionalen Sinn." Während wir normalerweise der Auffassung sind, dass unsere Wahrnehmungen der Wirklichkeit entsprechen, wird das hier völlig anders gesehen. Der Konstruktivismus spricht sogar von Erfindung und Konstruktion!

Dieser völlig anderen Sicht der Dinge soll hier genauer auf den Grund gegangen werden, da diese Aussagen ja nun wirklich derart widersprüchlich zu den alltäglichen menschlichen Erfahrungen zu sein scheinen. Schließlich nehmen wir Menschen doch die Welt, so wie sie ist, tagtäglich mit unseren Sinnen wahr? Und was soll das eigentlich mit dieser "Anpassung im funktionalen Sinne"? Mit diesen Fragen im Kopf machen wir uns also daran, den Argumentationsstrang des Radikalen Konstruktivismus zu erarbeiten.

Der radikale Konstruktivismus argumentiert entgegen der allgemein verbreiteten Ansicht, Wahrnehmen und Erkennen sei ein Wiedergeben einer unabhängigen Welt, aus biologisch hirnphysiologischer Sicht: Aus Experimenten geht eindeutig hervor, dass unsere Sinnesorgane keine Bilder oder andersgestaltige Wirklichkeiten, sondern lediglich elektrische Impulse an unser Gehirn liefern. "In den Erregungszuständen einer Nervenzelle ist nicht die physikalische Natur der Erregungsursache codiert. Codiert wird lediglich die Intensität dieser Erregungsursache, also ein "Wie viel", nicht aber ein "Was"."

Das leuchtet ein, denn schließlich wird ja auch nicht unser ganzer Arm von unten nach oben in Richtung Gehirn heiß, wenn wir auf eine glühende Herdplatte fassen. Wenn sich also die das Gehirn erreichenden Reize beim Betrachten einer Blume in ihrer Art nicht von denen unterscheiden, die das Gehirn erhält, wenn wir von einer Biene gestochen werde, dann taucht doch sofort die Frage auf, woher die Differenzierungen dann kommen, die wir in unserer Lebenswelt zu vollbringen vermögen?

Die Umwelt ist unsere Erfindung

Der Konstruktivismus behauptet, dass unser Gehirn die Reize erst in für uns lesbare Informationen verwandelt. Das bedeutet, dass wir die Welt um uns herum nicht wahrnehmen können, zumindest nicht im herkömmlichen Sinne, sondern dass "Wahrnehmung erst durch sensorisch- motorische Wechselwirkung entsteht." Unser Gehirn konstruiert also die Wirklichkeit, die wir zu erkennen glauben, auf der Basis von elektrischen Impulsen, die sich lediglich in ihrer Intensität, nicht aber in ihrer Art unterscheiden. Dies führt zu der kühnen Hauptthese des radikalen Konstruktivismus: "Die Umwelt, so wie wir sie wahrnehmen, ist unsere Erfindung." Daraus folgt wiederum, auch und gerade im Zusammenhang mit der radikalen Pluralität moderner Gesellschaften, die Einsicht, dass jedes Individuum seine eigene, subjektive Lebenswirklichkeit konstruiert.

An dieser Stelle wird auch deutlich, was in interpersonalen Konflikten ablaufen kann: Wenn jeder Mensch seine eigene Konstruktion als individuelles Weltbild deklariert, dann kann das zweifellos zu zwischenmenschlichen Meinungsverschiedenheiten führen, wenn sich die Konstruktionen als unterschiedlich erweisen.

Wie kann uns die Welt so stabil vorkommen, wenn wir sie selbst erfinden?

Allerdings war da noch eine andere offene Frage. Da regt sich doch durchaus Widerstand bei dem Gedanken, das wir Menschen die Welt um uns herum erfinden. Denn es gibt ja Konstanten, die wir alle als solche erkennen und anerkennen. Außerdem erscheint uns die Welt, in der wir leben, ja äußerst stabil und sicher – sie kann doch deshalb nicht von jedem einzelnen erfunden sein?

Diese Frage erübrigt sich aus konstruktivistischer Sicht, denn: "Wenn .... die Welt, die wir erleben und erkennen, notwendigerweise von uns selbst konstruiert wird, dann ist es kaum erstaunlich, dass sie uns relativ stabil erscheint." Des weiteren kann man anführen, dass der Mensch ein Wesen in der Sprache ist. Er gleicht sozusagen intuitiv im Gespräch mit anderen Menschen seine individuellen Konstruktionen denen des Gegenübers an. Dies führt zu einer Art gemeinsamem Nenner, der die Unterschiede in den jeweiligen Konstruktionen verschwimmen lässt, diese jedoch nicht völlig abschafft. Je mehr dieser Angleichungsprozesse das Individuum durchläuft, desto mehr verständigt es sich mit anderen über die verschiedenen Wirklichkeitskonstruktionen. "Das heißt ganz allgemein, die Welt, die wir erleben, ist so und muss so sein, wie sie ist, weil wir sie so gemacht haben."

Na ja, denkt da der geneigte Leser vermutlich, das mag ja eine ganz schlüssige und plausible Erklärung sein, aber unsere Erfahrung lehrt uns doch etwas anders: Es ist doch so, dass Etwas erst einmal vorhanden sein muss, damit es wahrgenommen werden kann! Und ist nicht demzufolge die These der Konstruktion abwegig?

Denn wenn Etwas vorhanden ist, dann brauch ich es ja nicht zu konstruieren, sondern nur wahrzunehmen. "Etwas, das "erblickt" werden könnte, müsste da sein, bevor der Blick darauf fällt – und Wissen wäre somit notwendigerweise Abbild einer Welt, die da ist, d.h. existiert, bevor ein Bewusstsein sie sieht oder auf andere Weise erlebt."

Das Dilemma der Erkenntnislehre

Mit diesem eben beschriebenen Szenario ist denn auch das Dilemma der Erkenntnislehre der letzten zweitausend Jahre geschaffen. Denn, wenn Erkenntnis oder Wissen reine Beschreibungen einer Welt an sich sind, die völlig unabhängig vom jeweiligen Beobachter ist, so bräuchten wir ein Kriterium, auf Grund dessen wir die Richtigkeit oder Falschheit unserer Abbilder beurteilen können. Dieses Kriterium ist aber nicht in Sicht. Ob und inwieweit das Bild, das unsere Sinne uns vermitteln, der objektiven Wirklichkeit entspricht, bleibt die unbeantwortbare Frage der Erkenntnislehre. Ernst von Glasersfeld präsentiert das Beispiel mit einem Apfel, den unsere Sinne wahrnehmen. Wir schreiben ihm Eigenschaften wie süß, glatt, duftend etc. zu, aber es sei keineswegs sicher, dass der Apfel diese Eigenschaften wirklich besitzt! Und ebenso wenig selbstverständlich sei es, dass er nicht auch noch andere Eigenschaften besitzt, die wir einfach nicht wahrnehmen. "Die Frage ist unbeantwortbar, denn, was immer wir machen, wir können unsere Wahrnehmung von dem Apfel nur mit anderen Wahrnehmungen vergleichen, niemals aber mit dem Apfel selbst, so wie er wäre, bevor wir ihn wahrnehmen." Es ist also aus konstruktivistischer Perspektive völlig unmöglich, eine Beobachtung ohne das subjektive Zutun des Beobachters zu bewerkstelligen. Die Wortwahl Zutun ist hier auch durchaus angebracht, denn der Konstruktivismus vertritt die Ansicht, "dass Erkennen und Wissen nicht der Niederschlag eines passiven Empfangens sein können, sondern als Ergebnis von Handlungen eines aktiven Subjekts entstehen." Unter Handlungen wird hier das Konstruieren von Erkenntnis aus den jeweiligen Wahrnehmungen verstanden. Wissen ist also das Produkt unserer eigenen Gehirntätigkeit. Das ist auch früher schon einmal in ähnlicher Weise woanders gesagt worden: Immanuel Kant beschrieb den Erkenntnisprozess so: "Mit den Formen Raum und Zeit werden alle Sinneseindrücke geordnet und danach vom Verstand zu Begriffen geformt."

Das Gehirn konstruiert subjektive Landkarten der Welt

Also ist es schon bei Kant der Verstand, der die Sinneseindrücke formt, und die urteilende Vernunft, die ihnen Bedeutung gibt. Die menschliche Tätigkeit des Erkennens führt also nicht zu einem wahren Bild der Welt in ihrem so sein. Sie kann keine Wirklichkeiten erkennen, sie konstruiert ein Bild der Welt, sozusagen eine subjektive Landkarte, mit der sich der je einzelne Mensch zurechtfinden muss.

Hier nun stellt sich die Frage, nach welchen Kriterien wir unsere Weltbilder konstruieren. Was sind unsere Anhaltspunkte, nach denen wir bestimmten Wahrnehmungen diese, anderen hingegen jene Bedeutung zuschreiben. Was ist es, was unser Weltbild zu unserem ureigensten macht? Mit dieser Frage sind wir wieder an den Ausgangspunkt zurückgekehrt, denn es ist die bereits erwähnte Anpassung im funktionalen Sinn, deren Postulation den Konstruktivismus derart radikal von der bisherigen Erkenntnislehre unterscheidet.

Das Kriterium ist Anpassung im funktionalen Sinne

Während bislang behauptet wurde, dass unsere Wahrnehmungen mit den Dingen an sich übereinstimmen, wird diese These im Konstruktivismus abgelehnt. Dieser spricht auch nicht davon, dass etwas stimmt. Seine Option ist, dass etwas passt [Hervorhebung], und zwar in dem Sinne, dass es den Dienst leistet, den wir uns von ihm erwarten. Ein Schlüssel passt zu einem Schloss, wenn er es aufsperrt. Das Passen beschreibt hier aber nur die Fähigkeit des Schlüssels, nicht aber die Eigenschaften des Schlosses. Von professionellen Einbrechern wissen wir, dass es eine Menge Schlüssel gibt, die eine andere Form als die unsrigen haben, und die dennoch unsere Türen aufsperren. "Vom Gesichtspunkt des radikalen Konstruktivismus stehen wir alle – Wissenschaftler, Philosophen, Laien, Schulkinder, Tiere, ja Lebewesen aller Art – unserer Umwelt gegenüber wie ein Einbrecher dem Schloss, das er aufsperren muss, um Beute zu machen." Wie der je einzelne Mensch das Schloss entriegelt, also wie der Schlüssel geformt ist, ist individuell unterschiedlich. Der Konstruktivismus postuliert, dass das Ergebnis, nämlich die geöffnete Tür, die Instanz ist, die über die Brauchbarkeit des Schlüssels entscheidet. Das ist gemeint, wenn von einer Anpassung im funktionalen Sinne gesprochen wird; Wissen muss beweglich und anpassungsfähig sein. Es kann nicht starr sein, es muss in die individuellen kognitiven Strukturen, die den Akt des Erkennens leiten und somit das subjektive Weltbild mitentwickeln, hineinpassen. Aber auch die kognitiven Strukturen sind im Fluss des Erlebens nicht unabwandelbar. Eine ganz bestimmte kognitive Struktur, die bis heute standgehalten hat, beweist also nicht mehr und nicht weniger als eben, dass sie unter den Umständen unseres Lebens das geleistet hat, was wir von ihr erwartet haben. "Logisch betrachtet, heißt das aber keineswegs, dass wir nun wissen, wie die objektive Welt beschaffen ist; es heißt lediglich, dass wir einen gangbaren Weg zu einem Ziel wissen ... Es sagt uns nichts – und kann uns nichts darüber sagen – wie viele andere Wege es da geben mag... ."

Das ist stark, denn das heißt, es gibt keine Wahrheiten mehr. Es gibt nur Konstruktionen, die in irgend einem Kontext passen, in einem anderen vielleicht weniger.

Wissen ist subjektive Konstruktion

Erkennende Akteure können also nicht wissen, was jenseits der kognitiven Strukturen liegt, die sie selbst aufgebaut, d. h. konstruiert haben. "Für Konstruktivisten bezieht sich das Wort "Wissen" daher auf ein Gut, das sich radikal von der objektiven Repräsentation einer vom Beobachter unabhängigen Welt unterscheidet, nach der der Großteil der traditionellen Philosophen des Westens bis heute sucht." Wie unterschiedlich manche Wirklichkeiten bewertet werden, zeigt der Psychotherapeut Paul Watzlawick: "In Indien kann einem als swami, als Heiliger, vorgestellt werden, wer im Westen als katatoner Schizophrener diagnostiziert würde." "Derartige Sinnzuschreibungen sind aber nicht das Abbild objektiv bestehender, sozusagen platonischer Wahrheiten, deren sich gewisse Menschen besser bewusst sind als andere, sondern sie sind überhaupt nur innerhalb eines gewissen Kontextes denkbar."

Aber das würde ja bedeuten, dass wir aus konstruktivistischer Sicht den Glauben an eine objektive Wirklichkeit, die es mit den Sinnen zu erfahren gilt, aufgeben müssen. Und dass es gar keine absoluten Wahrheiten mehr gibt, dass wir es nie mit den Dingen an sich zu tun haben. Ganz im Gegenteil, wir müssen feststellen, dass wir in diesem Bereich, nämlich der Erkenntnistheorie, mit einer radikalen Pluralität der Wirklichkeiten und Wahrheiten konfrontiert werden! Aber worauf kann man sich denn überhaupt noch verlassen, wenn es keine objektiven Wahrheiten mehr gibt, sondern alles nur noch konstruiert und erfunden ist in einem funktionalen Sinn?

Anerkennung von Differenzen

Das bisher Gesagte führt uns automatisch zu der Feststellung, dass der Konstruktivismus implizit eine ethische Forderung beinhaltet, gerade weil er ein Vielheitspostulat enthält. "Pluralismus meint also die Anerkennung von relativen Differenzen zwischen Individuen und/oder sozialen Gruppen sowie zwischen ihren Wirklichkeitsvorstellungen und Handlungen als eine gleichermaßen erkenntnistheoretische wie anthropologische und soziale Grundgegebenheit." Die relativen Differenzen zwischen den Wirklichkeitskonstruktionen können mehr oder weniger übereinstimmen, müssen es aber nicht. Dementsprechend wird auch die Güte von Erkenntnissen dadurch bestimmt, ob derjenige, der die Erkenntnis konstruiert hat, mit ihr sein Problem lösen konnte, und nicht dadurch, ob sie einen Bezug auf die Realität hat. Das ergibt fast zwangsläufig unterschiedliche Konstruktionen, unterschiedliche Sichtweisen und Wahrheiten. Das ist ja vor allem für den Lehrbetrieb eine spannende Feststellung. Denn, wenn jeder seine eigenen, je individuellen Konstruktionen macht, wie soll dann nach richtig oder falsch geurteilt werden? Hier ist wirklich die Frage, wie Differenzen in der Erkenntnis anerkannt werden können? Eine pluralistische Ethik muss sich also an den Gegebenheiten orientieren, die letztlich genau diese Pluralität ausmachen: „Der Anwesenheit anderer und damit an den Auswirkungen, die Handeln auf andere hat."

Das bedeutet, dass der Bezug ethischer Überlegungen nicht eine vom Individuum unabhängige Wahrheit sein kann, sondern immer irgendwie vom Subjekt selbst gestaltet sein muss. "Moralische Verantwortung geht mit der Einsamkeit moralischer Entscheidungen einher." Es sind also die individuellen Wirklichkeitskonstruktionen und die daraus resultierenden Handlungen, die dann de facto Auswirkungen auch auf andere Individuen haben. Und genau diese Handlungen müssen auf ihre ethische Brauchbarkeit überprüft werden. Wenn ich etwas tue, dann wirkt das immer auch auf andere. Und mein Tun hängt letztlich von meinen Wirklichkeitskonstruktionen ab. Dadurch wirkt mein Bild der Welt auf andere Menschen und meine Aufgabe ist es nun, zu überprüfen, ob ich anderen damit schade. Das kommt einem doch ziemlich bekannt vor. Immanuel Kant hatte diese Forderung nämlich auch schon einmal in unübertroffener Weise formuliert: "Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde." Auch im kategorischen Imperativ von Kant spielen die Folgen des eigenen Handelns für andere eine wesentliche Rolle im Beurteilen des eigenen Handelns. Um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen muss noch ein Gleichheitspostulat formuliert werden, weil nur die Anerkennung von Pluralität und Individualität nicht ausreicht: "Ohne die Gleichheit der beteiligten Konstrukteure ist der Pluralismus nur ein Denkspiel... ."

Demzufolge, müsste die Konsequenz aus dem Konstruktivismus sein, dass sich das Individuum seiner individuellen Wirklichkeit bewusst sein muss, diese als individuell akzeptiert, andere Wirklichkeiten hingegen als gleichrangig und ebenso legitim anerkennt. Die jeweiligen Handlungen, die aus dem subjektiven Bild der Welt resultieren, muss das Individuum in eigener Verantwortung sich selbst und dem Anderen gegenüber vertreten können. Ethik in diesem Sinne entspricht also eher einer Einstellung, einer Lebensart, einem konkreten Verhalten, als einem rationalen Urteilen über Werte und Normen. "Ethisches Verhalten hat mehr mit Weisheit als mit Vernunft zu tun: Es ist weniger eine Frage des richtigen Urteilens als vielmehr eine Frage des guten Lebens."

Das ist ein starkes Stück. Nicht nur, dass wir im Lehrbetrieb unsere Wirklichkeiten als individuell betrachten sollen, nein, wir sollen die anderen Wirklichkeiten als gleichrangig und legitim ansehen. Das stellt doch wiederum jegliche pädagogische Arbeit in Frage? Schließlich sind wir doch angetreten, unsere Wirklichkeiten anderen Menschen weiter zu geben!

Andererseits erklärt die Theorie des radikalen Konstruktivismus, aus welchem Grund manche Themen bei einigen Lernenden so ankommen, bei anderen wiederum ganz anders. Na ja, wir werden in den weiteren Texten, was denn das alles mit unserer pädagogischen Arbeit zu tun hat und welche Implikationen für unsere Arbeit daraus entstehen.

Konstruktion von Wissen. Oder: Sich selbst die Welt passend machen.

  • Erkennen ist nicht ein passives Wiedergeben von objektiven Wirklichkeiten
  • Elektrische Impulse werden vom Gehirn in Erkenntnis umgewandelt – Wissen wird konstruiert, ist also ein aktiver, vom Individuum gesteuerter Prozess
  • Wir können nie feststellen, ob die Welt WIRKLICH so ist, wie wir sie wahrnehmen
  • Wir schließen uns die Welt auf, wobei wir nur beobachten können, ob der Schlüssel passt – wir wissen nicht, wie das Schloss beschaffen ist
  • Unsere Handlungen, die aus unseren Erkenntnissen resultieren, müssen immer wieder auf die Wirkung auf andere überprüft werden – das ist die ethische Implikation des Konstruktivismus
  • Eine schlimme Befürchtung: Die Welt ist erfunden, die Gewissheiten brechen weg; Bildungsarbeit muss sich neu definieren!




Literatur zum Thema (eine kleine Auswahl)

  • Baumann, Zygmunt (1995). Ansichten der Postmoderne. Hamburg/ Berlin. Argument Verlag
  • Foerster, Heinz von (1995). Das Konstruieren einer Wirklichkeit. In: Paul Watzlawick (Hrsg.). 9. Aufl. Die erfundene Wirklichkeit. Wie wissen wir, was wir zu wissen glauben? München. Piper Verlag
  • Glasersfeld, Ernst von (1995). Einführung in den radikalen Konstruktivismus. In: Paul Watzlawick (Hrsg.). 9. Aufl. Die erfundene Wirklichkeit. Wie wissen wir, was wir zu wissen glauben? München. Piper Verlag.
  • Hejl, Peter M. (1995). Ethik, Konstruktivismus und gesellschaftliche Selbstregelung. In: Rusch/Schmidt (Hrsg.). Konstruktivismus und Ethik. Frankfurt/Main. Suhrkamp.
  • Kant, Immanuel (1995). Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Ossner/Rumpf/Vahland (Hrsg.). Stuttgart. Ernst Klett Schulbuchverlag.
  • Ludwig, Ralf (1995). Kant für Anfänger. Der kategorische Imperativ. München. Deutscher Taschenbuch Verlag.
  • Watzlawick, Paul (1995). 2. Aufl. Einführung in den Konstruktivismus. München. Piper.
  • Varela, Franciso J. (1994). Ethisches Können. Frankfurt/New York. Campus Verlag.

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