Die Theorie lebender Systeme

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Gerd Kalmbach

"Die Theorie lebender Systeme" ist ein Premiumartikel von Gerd Kalmbach (Alle Artikel von ihm anzeigen)
Gerd Kalmbach, Jahrgang 1971, Diplom-Pädagoge

Experte für Train the Trainer Seminare, Lehren und Lernen im Unternehmen, Führungsnachwuchs- und Personalentwicklung.

Kernkompetenzen

  • Aktivierendes Lehren im Unternehmen
  • Seminare und Trainings
  • Führungsnachwuchsprogramme

Weitere Informationen unter www.gerd-kalmbach.de oder www.aktivierendes-lehren.de oder direkt unter +49 781 94 85 391.
Vorsitzender der Berufsgruppe der Selbständigen des BDVT und Mitglied im Berufsverband BDVT (Menschen entwickeln - Zukunft gestalten).

Das neue Buch von Gerd Kalmbach : Jour fixe um 11: Aktivierendes Lehren im Unternehmen. Ein Fachroman.


Der nachfolgende Text ist Teil 2 aus der Textsammlung "Aktivierendes Lehren" von Gerd Kalmbach ( zurück zu Text 1 : Lernen ist Konstruktion von Wissen | weiter zu Text 3 : Die Bedeutung der Selbstorganisation )


Inhaltsverzeichnis

Aktivierendes Lehren – die Grundlagen

Auf unserem weiteren Weg durch die Grundlagen menschlicher Erkenntnis möchte ich Sie im Folgenden gerne mit auf eine Reise in die Biologie nehmen. Francisco Varela und Humberto Maturana veröffentlichten in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts ein revolutionäres Buch, das sich eigentlich um den Menschen als lebendes System dreht, aber im Endeffekt doch den Weh menschlicher Erkenntnis beschreibt. Dementsprechend haben es die Herren auch den "Baum der Erkenntnis" genannt...

Eine Zusammenfassung der wesentlichsten Gedanken bezüglich Lernens finden Sie in dem Ihnen hier vorliegenden Text.

Die hier vertretene These ist, das wir erstmal ein Grundverständnis über den Menschen haben müssen, um uns über zum Beispiel methodische Herangehensweise im Unterricht Gedanken machen zu können.

Es ist äußerst relevant, die Charakteristika eines Lebewesens zu durchschauen, um gerade auch Lernprozesse zu verstehen. Maturana und Varela behaupten, dass die Organisation des Lebewesens darüber entscheidet, ob es sich als solches erweist oder nicht. Aber was genau ist die Organisation eines Lebewesens?

Autopoiese - Die Organisation des Lebendigen

"Es sind solche Relationen, die existieren oder gegeben sein müssen, damit ein Etwas etwas ist." Es sind also die Relationen zwischen den einzelnen Teilen, die ein Lebewesen ausmachen. Der Vorschlag der Biologie ist nun, "dass Lebewesen sich dadurch charakterisieren, dass sie sich – buchstäblich – andauernd selbst erzeugen. Darauf beziehen wir uns, wenn wir die sie definierende Organisation autopoietische Organisation nennen (griech. autos = selbst; poien = machen)." Diese Tatsache des sich selbst Erzeugens ist in der Biologie inzwischen völlig unumstritten: "Irgendwann bildete sich zufällig ein besonders bemerkenswertes Molekül. Wir nennen es Replikator. Es war vielleicht nicht unbedingt das größte oder komplizierteste Molekül ringsumher, aber es besaß die außergewöhnliche Eigenschaft, Kopien seiner selbst herstellen zu können." Die beiden Autoren wollen also sagen, dass wir es mit dynamischen Netzwerken von chemischen Transformationen zu tun haben, die ständig ihre eigenen Bestandteile erzeugen?

Und unter der Organisation verstehen wir die Relationen, die zwischen den Bestandteilen gegeben sein müssen, damit dieses Netzwerk als Mitglied einer bestimmten Klasse erkannt wird. Das ist aber noch nicht alles. Denn neben der Organisation ist auch die Struktur des Lebendigen von evidenter Bedeutung. Diese bezeichnet jetzt nämlich die Bestandteile und die Relationen, "die in konkreter Weise eine bestimmte Einheit konstituieren und ihre Organisation verwirklichen."

Der strukturelle Wandel im Lebewesen wird auch bezeichnet als: Lernen!

Das bedeutet, dass ein Lebewesen durch seine Organisation charakterisiert ist als Lebewesen, die Organisation bleibt also immer gleich, nämlich autopoietisch. Andererseits gilt aber: "Verschiedene Lebewesen unterscheiden sich durch verschiedene Strukturen ..." Die Lebensgeschichte einer Einheit wird als Ontogenese bezeichnet, sie ist die Geschichte des strukturellen Wandels innerhalb der Einheit, der in jedem Augenblick stattfindet: entweder ausgelöst durch aus dem Milieu stammende Interaktionen, oder als Ergebnis der inneren Dynamik. Und hier kommen wir nun also zum Lernen! Denn der strukturelle Wandel im Lebewesen ist die biologische Sichtweise auf das, was wir letztlich einen Lernprozess nennen können. Wichtig zu bemerken ist hierbei, "dass die Struktur des Milieus in den autopoietischen Einheiten Strukturveränderungen nur auslöst, diese also weder determiniert noch instruiert (vorschreibt)" . Das heißt wiederum, dass Sie als Lehrender keine Strukturveränderungen im Lebewesen vornehmen können, also keine Veränderungen bei Ihren Teilnehmern vorschreiben können.

Strukturelle Koppelung - Operationale Geschlossenheit

Aber es geht noch weiter. Interaktionen zwischen einer Einheit und dem es umgebenden Milieu, aber auch zwischen zwei Einheiten können wir als eine strukturelle Koppelung bezeichnen, wenn sie eine Geschichte wechselseitiger Strukturveränderungen darstellt. Das heißt sehr wohl, dass wir Lernprozesse in einer Interaktion anschubsen können, wenn wir es schaffen, unsere eigene subjektive Struktur mit der des Lernenden zu koppeln – aber wir können sie nicht determinieren. Hinzu kommt noch ein weiterer Punkt: Ein weiteres wesentliches Charakteristikum eines lebenden Systems ist die operationale Geschlossenheit der Organisation. Das heißt, dass die Identität des Systems durch ein Netz von dynamischen Prozessen gekennzeichnet ist, deren Wirkungen das Netz jedoch nicht überschreiten . Strukturveränderungen finden also im System statt, und nur durch dieses.

Also haben wir als Lehrende letztlich nur ganz geringen Einfluss auf die Lernenden, außer wir schaffen es, uns strukturell zu koppeln!

Und, um es noch biologischer auszudrücken. Wir sind für das geschlossene System zunächst so etwas wie eine (Ver-)Störung. Wir stören das lebendige System, indem wir seine Struktur anregen. Der Fachausdruck dafür ist Perturbation. Und Lernen, also Veränderungen finden unter anderem dadurch statt, dass das System durch einen Einfluss von außen perturbiert (verstört) wird. Daraufhin überprüft das System seine Struktur, ob es diese Perturbation an- bzw. aufnehmen soll.

Also entscheidet letztlich der Lernende, ob er lernt oder nicht – und nicht der Lehrende!

Diese Überprüfung nennen wir Rekursivität, was man mit Rückbezüglichkeit übersetzen könnte oder auch Selbstreferentialität, was soviel wie Auf-sich-selbst-Bezogen-Sein bedeutet. Die eigene Struktur wird daraufhin befragt, ob die Perturbation für das System von Bedeutung ist oder nicht.

Ständige Strukturveränderung, also kontinuierliches Lernen gehört zum Pulsieren des Lebens

Ein System verändert seine Struktur aber nicht nur, wenn es von außen perturbiert wird, sondern auch von selbst. "Im Fall der lebenden Systeme, deren selbsterzeugendes molekulares Netzwerk die Dynamik der Autopoiese begründet, variiert die Struktur ständig. ... Der Strukturwandel lebender Systeme ist nicht erklärungsbedürftig, sondern ihr konstitutives Wesensmerkmal – sie verändern sich eben, das ist nun mal ihre Natur!" Oder anders ausgedrückt: "Die ständige Strukturveränderung eines Lebewesens unter Erhaltung seiner Autopoiese geschieht in jedem Augenblick und zugleich auf viele verschiedene Weisen. Das ist das Pulsieren des Lebens."

Wenn also eine Veränderung in der Struktur des Lebewesens nicht von der Umwelt instruiert werden kann, sondern bestenfalls perturbiert, so stellt sich doch die Frage, was genau denn letztlich die Veränderungen zulässt?

Die Lebewesen sind durch ihre Struktur determiniert. "Bei den Interaktionen zwischen dem Lebewesen und der Umgebung ... determinieren die Perturbationen der Umgebung nicht, was dem Lebewesen geschieht; es ist vielmehr die Struktur des Lebewesens, die determiniert, zu welchem Wandel es infolge der Perturbation in ihm kommt." Die Lebewesen, also wir Menschen, sind im Wesentlichen selbstgesteuert, autonom, und prinzipiell nur der Erhaltung unserer Autopoiese verpflichtet, da wir sonst unsere Organisation, und damit unser Leben aufgeben. "Ein lebendes System ist ein sich selbst organisierendes System, was bedeutet, dass seine Ordnung in Bezug auf Struktur und Funktion nicht von der Umwelt aufgezwungen, sondern vom System selbst hergestellt wird." Dennoch sind wir nicht ganz frei. Wir sind determiniert durch unsere Struktur. Damit kann auch erklärt werden, warum manche Perturbationen einfach nicht angenommen werden: Weil sie einfach nicht in die Struktur des perturbierten Lebewesens passen. Außerdem wird klar, dass eine biologische Einheit keine Veränderungen vollziehen kann, die nicht schon zumindest als Disposition in ihrer Struktur angelegt sind.

Selbstorganisation

Ja, so ist es. Deshalb ist es in Lehr- und Lernsituationen auch völlig indiskutabel, Menschen einfach nur Inhalte um die Ohren zu hauen in der Hoffnung, dass sie diese einfach in sich aufnehmen. Aus diesem biologischen Denkmuster heraus ergeben sich andere Notwendigkeiten im Umgang mit Lernenden. Wer diese biologischen Grundlagen beherzigt, der muss anders lehren, als es herkömmlich der Fall war, bevor die Biologie diese Erkenntnisse offenbarte.

Das ist dann auch mit Begriff der Selbstorganisation letztlich gemeint. Es geht nicht nur darum, dass wir die Lernenden einfach mal machen lassen – sie werden sich dann schon selbst organisieren. Es geht darum, den Lernenden in seiner Struktur zu perturbieren, sich mit ihm strukturell zu koppeln und gegenseitige Strukturveränderungen anzuschubsen – sie werden und müssen sich dann selbst erzeugen, weil sie autopoietisch organisiert sind. Viele Referenten schaffen es beim besten Willen leider nicht, die Lernenden in ihrer Struktur zu erreichen, sie zu koppeln.

Idealerweise und zudem recht einfach geht das, wenn man die Teilnehmenden sozusagen von Betroffenen zu Beteiligten macht, sie in das Geschehen mit einbezieht. Sie nach ihrer Meinung fragt, sie Themen selbst erarbeiten lassen. Aber das ist grundsätzlich eine methodische Frage.

Autopoiese
Wir Menschen sind autopoietisch organisiert. Wir erzeugen uns buchstäblich immer wieder selbst
Operationale Geschlossenheit
Alle Operationen, also die ständigen Veränderungen unserer Struktur, finden in uns als abgeschlossenem Raum ohne direkten Zugriff von außen statt.
Strukturdetermination
Wir sind determiniert durch unsere Struktur. Wir gleichen sämtliche Einflüsse (Perturbationen), sowohl die von außen als auch unsere inneren Impulse, stets selbstreferentiell auf ihre Tauglichkeit ab.
Selbstreferentialität
Rückbezüglichkeit des Systems auf die eigene Struktur.

Die Organisation des Lebendigen

  • Menschen sind in sich geschlossene Systeme
  • Der Einfluss von außen, also zum Beispiel ein Trainer, wird als Perturbation („Verstörung“) der Struktur verstanden
  • Ziel muss es sein, über den Weg der strukturellen Koppelung Veränderungen auszulösen
  • Veränderungen finden aber nur dann statt, wenn das System selbst, das heißt autonom entscheidet, sich zu verändern
  • Menschen sind durch ihre Struktur geprägt, ja bestimmt. Sie können nicht aus ihrer Haut




Literatur zum Thema (eine kleine Auswahl)

  • Capra, Fritjof (1998). 6. Aufl.. Wendezeit. Bausteine für ein neues Weltbild. München. Deutscher Taschenbuch Verlag.
  • Dawkins, Richard (1978). Das egoistische Gen. Berlin/Heidelberg/New York. Springer Verlag.
  • Maturana, Humberto R. (1994). Was ist erkennen? München. R. Piper GmbH & Co. KG.
  • Maturana, Humberto R./Varela, Francisco J. (1987). Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens. München. Goldmann Verlag.



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